Sport und Neurodivergenz

Sport und Bewegung können weit mehr sein als körperliche Aktivität. Sie können dabei helfen, Stress abzubauen, Anspannung zu regulieren, die Stimmung zu verbessern und einen besseren Zugang zur eigenen Körperwahrnehmung zu entwickeln. Für neurodivergente Menschen kann Sport dabei eine besonders wertvolle Ressource darstellen, wobei die individuellen Voraussetzungen und Bedürfnisse sehr unterschiedlich sein können.

Bewegung als Ressource für Stress und emotionale Regulation
Während körperlicher Aktivität verändert sich nicht nur der Körper, sondern auch die Aktivität verschiedener neurobiologischer Systeme. Bewegung beeinflusst unter anderem das autonome Nervensystem und die Stressregulation und kann dazu beitragen, Anspannung abzubauen und die emotionale Regulation zu unterstützen. 

Dabei muss Sport nicht zwangsläufig mit hoher Leistung oder intensivem Training verbunden sein. Auch regelmäßige Bewegung, die als angenehm und passend zur eigenen Lebenssituation erlebt wird, kann eine wichtige Ressource darstellen. Welche Form der Bewegung als regulierend erlebt wird, ist dabei individuell. Für manche Menschen sind Ausdauersportarten besonders hilfreich, andere profitieren von Krafttraining, Mannschaftssport, Tanzen oder eher ruhigen Bewegungsformen wie Yoga. 

Ein Teil der positiven Effekte von Bewegung lässt sich durch Veränderungen verschiedener neurobiologischer Prozesse erklären. Körperliche Aktivität beeinflusst unter anderem die Systeme von Dopamin, Noradrenalin und Serotonin und kann außerdem die Ausschüttung beziehungsweise Aktivität von Endorphinen beeinflussen. Diese Prozesse stehen unter anderem mit Motivation, Aufmerksamkeit, Stimmung und Stressregulation in Zusammenhang.

Neurodivergenz im Wettkampf
Im Leistungssport können neurodivergente Eigenschaften sowohl mit besonderen Herausforderungen als auch mit individuellen Stärken verbunden sein. Dabei gibt es nicht „die“ neurodivergente Sportlerin oder „den“ neurodivergenten Sportler, neurodivergente Menschen unterscheiden sich ebenso stark voneinander wie nicht-neurodivergente Menschen.

Bei ADHS können beispielsweise ein hohes Aktivierungsniveau, Impulsivität oder Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit und exekutiven Funktionen in bestimmten Wettkampfsituationen eine Herausforderung darstellen. Gleichzeitig können Eigenschaften wie hohe Begeisterungsfähigkeit, intensive Fokussierung auf interessante Aufgaben, Energie und die Fähigkeit, sich stark auf eine Tätigkeit einzulassen, im Sport zur Ressource werden. Welche Eigenschaften sich tatsächlich als Vorteil oder Nachteil auswirken, hängt dabei stark von der jeweiligen Sportart, der Situation und den individuellen Regulationsmöglichkeiten ab.

Auch im Autismus-Spektrum können bestimmte Eigenschaften im sportlichen Kontext sowohl unterstützend als auch herausfordernd sein. Ein Bedürfnis nach Struktur und vorhersehbaren Abläufen kann beispielsweise die Entwicklung klarer Trainings- und Wettkampfroutinen unterstützen, während spontane Veränderungen, sensorische Reize oder unvorhersehbare Situationen belastend sein können. Gerade im Wettkampf kann daher eine gute Vorbereitung auf mögliche Veränderungen und eine individuell passende Strategie zur Reiz- und Stressregulation hilfreich sein.

Nicht „trotz“, sondern mit Neurodivergenz Sport treiben
Eine neurodivergente Wahrnehmung muss im Sport nicht als Herausforderung verstanden werden. Entscheidend ist vielmehr, die eigene Funktionsweise zu verstehen und herauszufinden, welche Bedingungen, Strategien und Rahmenbedingungen die persönliche Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden unterstützen.

Dazu können beispielsweise individuelle Routinen, Strategien zur Aufmerksamkeitsregulation, Visualisierung und mentale Wettkampfvorbereitung gehören, ebenso wie Techniken zur Stress- und Emotionsregulation. Auch die bewusste Arbeit mit der Atmung kann dabei helfen, das eigene Aktivierungsniveau vor oder während einer sportlichen Belastung gezielt zu beeinflussen.

Sport kann damit zu einem wichtigen Bestandteil der persönlichen Regulation werden, nicht, weil Bewegung Neurodivergenz „ausgleicht“ oder beseitigt, sondern weil sie eine Möglichkeit bietet, die eigenen körperlichen und psychischen Ressourcen gezielt zu nutzen.

 

Quellen:

Xu, S., Zhao, C., & Hu, L. (2026). The effects of acute and chronic exercise on executive functions and core symptoms in adults with ADHD: A systematic review and meta-analysis. Psychology of Sport and Exercise, 84, 103088. 

Zhang, Z., Bo, X., Liu, K., Su, J., Zhu, Y., & Yang, S. (2026). Effects of exercise on hyperactivity/impulsivity and inhibitory control at behavioral and electrophysiological levels in ADHD: A systematic review and meta-analysis. Journal of Attention Disorders, 30(5), 677–693. 

Yang, Y., Wu, C.-H., Sun, L., Zhang, T.-R., & Luo, J. (2025). The impact of physical activity on inhibitory control of adult ADHD: A systematic review and meta-analysis. Journal of Global Health, 15, 04025.

Hoare, E., Reyes, J., Olive, L., Willmott, C., Steer, E., Berk, M., & Hall, K. (2023). Neurodiversity in elite sport: A systematic scoping review. BMJ Open Sport & Exercise Medicine, 9(2), e001575. 

 

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